Kapitän z. See
Hans Wilhelm Langsdorff
(1894 - 1939)
ein Porträt von Jann Markus Witt
Aus Leinen los 1/2002
Am 17. Dezember 1939 versank das deutsche
Panzerschiff "Admiral Graf Spee"
in den Fluten des Rio de la Plata. Angesichts der militärisch aussichtslosen Lage hatte
sich Kommandant Hans Langsdorff entschieden, lieber sein Schiff zu versenken, als seine
Besatzung im Gefecht gegen den weit überlegenen Gegner um der"Ehre der deutschen
Flagge" willen zu opfern. Mit dieser Tat bewies Langsdorff eine persönliche Integrität
und Humanität, die im Zweiten Weltkrieg wohl beispiellos ist.
Hans Wilhelm Langsdorff wurde am 20. März 1894 als Sohn eines Richters in Bergen (Rügen)
geboren. 1912 trat er in die Kaiserliche Marine ein und nahm 1916 an der Skagerrak-Schlacht
teil. Den Rest des Kriegs verbrachte er bei den Minenstreitkräften. Als einer der wenigen
Offiziere, die nach der Niederlage 1918 und dem Zusammenbruch des Kaiserreichs in die aufgrund
der Bestimmungen des Versailler Vertrags stark geschrumpfte Reichsmarine übernommen wurden,
stieg er in den zwanziger Jahren zum Kommandeur einer Torpedoboot-Halbflottille auf. 1925 wurde
Langsdorff Verbindungsoffizier zur Heeresleitung. Anfang der dreißiger Jahre diente Langsdorff
in Berlin, unter anderem im Verteidigungsministerium als Adjutant General Schleichers. 1935
kehrte er auf See zurück und diente als 1. Admiralstabsoffizier im Stab von Admiral Boehm,
dem Kommandeur der Aufklärungsstreitkräfte. Bereits 1937 wurde Hans Langsdorff zum
Kapitän zur See befördert und im November 1938 Kommandant der "Graf Spee",
eines der drei berühmten "Westentaschenschlachtschiffe".
Am 21. August 1939 war die "Graf Spee" von Wilhelmshaven mit Ziel Südatlantik
ausgelaufen. Doch erst dreieinhalb Wochen nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erhielt Langsdorff
den Befehl zum Handelskrieg.
In den folgenden vier Monaten machte die "Graf Spee" im Atlantik und im Indischen
Ozean Jagd auf feindliche Handelsschiffe. Das Panzerschiff versenkte in dieser Zeit neun Frachter
mit insgesamt 50.089 BRT, ohne dass auch nur ein einziger Seemann sein Leben verloren hätte.
In seinem Werk über den Zweiten Weltkrieg beschreibt Winston Churchill das geschickte
Vorgehen Langsdorffs: "Die Graf Spee wurde kühn und unternehmungslustig geführt.
Ihre Taktik war, irgendwo kurz zu erscheinen, ein Opfer zur Strecke zu bringen und dann wieder
in der Unendlichkeit des Ozeans zu verschwinden."
Noch wichtiger als der Schaden, den der Tonnageverlust dem Feind zufügte, war der strategische
Wert des Unternehmens, denn durch die Jagd auf den einsamen "Wolf" in der weiten
See wurde eine große Zahl von Kriegsschiffen gebunden, die anderswo dringend benötigt
wurden. Nicht umsonst nannte Churchill diese Wochen "sorgenvoll". Erst am 13. Dezember
gelang es der britischen Kampfgruppe "Force G", die "Graf Spee" vor der
Küste Südamerikas zu stellen.
Das Abfanggeschwader bestand aus den britischen Kreuzern HMS "Exeter" und"Ajax"
und dem neuseeländischen Kreuzer HMNZS "Achilles" und wurde von Commodore Henry
Harwoods, einem unerschrockenen und tatkräftigen Offizier, geführt.
Als Langsdorff am frühen Morgen die britischen Schiffe sichtete, dachte er, er hätte
lediglich einen Kreuzer und zwei Zerstörer vor sich. Das war kein ungewöhnliches
Versehen: 1941 hatten die britischen Schiffe "Hood" und "Prince of Wales"
im Gefecht mit der"Bismarck" das Schlachtschiff mit dem Kreuzer "Prinz Eugen"
verwechselt - ein Fehler, der sich für die "Hood" als tödlich erweisen
sollte.
Da die Briten zwischen ihm und der offenen See standen, versuchte Langsdorff, die Durchfahrt
zu erzwingen. Um 6.17 Uhr eröffnete die "Graf Spee" das Feuer. Den 28-cm-Kanonen
des Panzerschiffs waren die 15,2-cm-Geschützen der britischen Kreuzer an Reichweite und
Durchschlagskraft weit unterlegen. Deshalb entschloss sich Harwood, sein Geschwader getrennt
angreifen zu lassen. Mit seinem Flaggschiff "Ajax", unterstützt von der"Achilles",
attackierte er das deutsche Panzerschiff von Osten her, während die "Exeter"
mit ihren schwereren 20,3-cm-Geschützen aus Richtung Süden anlief. Dadurch wurde
die "Graf Spee" gezwungen, ihr Feuer zu verteilen.
Für sein brillantes Manöver wurde Harwood später die Ritterwürde verliehen
und er wurde außer der Reihe zum Konteradmiral befördert.
Das deutsche Panzerschiff erhielt insgesamt 20 Treffer. 36 Seeleute wurden getötet, 60
verwundet. Obgleich die britischen Schiffe ebenfalls schwer beschädigt wurden, zwangen
sie Langsdorff schließlich zum Rückzug. Gegen 7.30 Uhr löste sich die"Graf
Spee" aus dem Gefecht und nahm Kurs auf den neutralen Hafen Montevideo am Rio de la Plata
in Uruguay. Langsdorff hatte den Hafen auf Rat seines Navigationsoffiziers ausgewählt,
ohne daran zu denken, dass er und sein Schiff weiter flussaufwärts in Argentinien viel
freundlicher aufgenommen worden wären.
In Montevideo wollte Langsdorff die Schäden ausbessern. Kurz nach Mitternacht lief die
"Graf Spee" in den Hafen ein. Die Seeleute der Handelsschiffe, die vor dem Untergang
ihrer Schiffe an Bord genommen wurden, wurden frei gelassen und die 36 deutschen Soldaten,
die im Gefecht gefallen waren, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt.
Auch Offiziere und Besatzungen der von der "Graf Spee" versenkten britischen Schiffe
erwiesen den Toten die letzte Ehre.
Nach dem Völkerrecht hätte die "Graf Spee" nur für 24 Stunden in dem
neutralen Hafen bleiben dürfen. Obgleich der Präsident Uruguays die Frist auf 72
Stunden verlängerte, änderte diese Geste angesichts der schweren Schäden nicht
viel. Vergeblich versuchten die deutschen Diplomaten, die Frist über die zugestandenen
72 Stunden hinaus zu verlängern. Obwohl die"Graf Spee" noch kampffähig
war, war es fraglich, ob das Schiff aufgrund der Treffer im Bug die Reise zurück nach
Deutschland schaffen würde. Schlimmer noch, einer der Treffer hatte Küche und Bäckerei
zerstört. Dadurch war die Versorgung der Besatzung so gut wie unmöglich geworden,
das Schiff war werftreif. Unterdessen hatte die britische Propaganda die Deutschen geschickt
in die Irre geführt. Es gelang den Briten, die Deutschen und Hans Langsdorff Glauben zu
machen, dass das britische Blockadegeschwader wesentlich größer sei als die drei
Schiffe Konteradmiral Harwoods. Verstärkt durch die "Cumberland", bewachte er
mit den angeschlagenen Kreuzern "Ajax" und Achilles" seine waidwund geschossene
Beute im Hafen von Montevideo, während die schwer beschädigte "Exeter"
zur Reparatur Kurs auf die Falkland-Inseln genommen hatte.
Die herbeigerufene Verstärkung, bestehend
aus dem Flugzeugträger"Ark Royal" und fünf weiteren Kriegsschiffen, war
noch mehrere Tage entfernt. Angesichts der Gefechtsschäden seines Schiffes hätte
aber auch die Kenntnis der wahren Lage die Situation für den Kommandanten der"Graf
Spee" nicht wesentlich geändert. Ihm blieben nur drei Möglichkeiten: Die"Graf
Spee" an Uruguay zu übergeben und sich mit seiner Besatzung internieren zu lassen,
sein Schiff zu versenken oder kämpfend unterzugehen.
Auf Langsdorffs Bitte um Instruktionen antwortete das Oberkommando ausweichend: lnternierung
käme nicht in Frage, aber ob er kämpfen oder das Schiff versenken wolle, müsse
er selbst entscheiden. Doch anstatt sich wie von der Reichs- und Marineführung erhofft
auf einen sinnlosen Kampf einzulassen, der vielleicht dem Tod der Besatzung geendet hätte,
entschloss Langsdorff sich, die"Graf Spee" zu versenken. Er hatte sich damit für
das Überleben der Besatzung entschieden - angesichts der aussichtslosen Situation eine
humane, aber für den Kommandanten eines Kriegsschiffs dennoch schwere Entscheidung. Kurz
vor Ablauf der 72-Stunden-Frist verließ die"Graf Spee" am 17. Dezember um 17.30
Uhr mit einer Notmannschaft an Bord den Hafen von Montevideo. An beiden Masten wehte die Kriegsflagge.
Gefechtsbereit warteten die drei britischen Kreuzer auf die sicher geglaubte Beute.
"Graf Spee" hatte noch Munition für 80 Minuten Kampf. Doch statt die feindlichen Schiffe zu zerstören, zerrissen sie den Rumpf des deutschen Panzerschiffs.
Das Schiff sank auf 8 m Wassertiefe. Zwei Tage lang wüteten schwere Brände an Bord, das ausgebrannte Wrack war noch viele Jahre später sichtbar - gleichsam ein makaberes Wahrzeichen Montevideos. Eine bittere Ironie des Schicksals: Gut 25 Jahre früher, am 8. Dezember 1914, war der Namenspatron des Schiffes, Admiral Reichsgraf von Spee, mit seinem Geschwader bei den Falkland-Inseln von einem britischen Geschwader versenkt worden.
Zwei Tage später, am 19. Dezember, sprach der Kommandant ein letztes Mal voller Ruhe und
Optimismus zu seiner Besatzung. Er beendete seine Ansprache mit der Bemerkung, er werde der
Welt die deutsche Ehre beweisen.
Am Abend saß Langsdorff noch mit einigen Offizieren und einigen deutschstämmigen
Uruguayern zusammen, bis er sich gegen 22.00 Uhr mit einem Händedruck von den Gästen
verabschiedete und sich auf sein Zimmer zurückzog. Am folgenden Morgen fand ihn sein Adjutant
in voller Uniform auf der Reichskriegsflagge liegend. Um zu beweisen, dass er nicht aus Feigheit
gehandelt hatte, hatte sich Hans Langsdorff erschossen. Nicht nur die Besatzung des Panzerschiffs
war erschüttert. Am Freitag, dem 22. Dezember 1939, wurde Hans Langsdorff auf dem deutschen
Friedhof von Buenos Aires unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt.
Churchill würdigte ihn als einen hervorragenden Offizier. Bis heute gilt er den Briten
als ehrenhafter und würdiger Gegner.